Schauspiel

Wieso geht der Hauptdarsteller im Film auf die Heldenreise?

Autor: Meet Your Master
Wieso geht der Hauptdarsteller im Film auf die Heldenreise?

Im Zentrum einer jeden filmischen Erzählung steht ein Protagonist, der vom Hauptdarsteller oder der Hauptdarstellerin verkörpert wird. Dieser begibt sich auf die sogenannte Heldenreise. Doch was ist damit gemeint?

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Was macht einen guten Hauptdarsteller aus?

Der Hauptdarsteller oder die Hauptdarstellerin verkörpert die Hauptfigur einer filmischen Erzählung. Man bezeichnet ihn oder sie auch als Protagonist oder Protagonistin. Dieser Begriff hat seinen Ursprung in der griechischen Tragödie und bedeutet „hauptsächlich Handelnder“. In einem Spielfilm werden Protagonisten von Schauspielern verkörpert, während in einer Dokumentation die gefilmten Menschen die Hauptfiguren sind. Sie spielen keine Rolle, sondern stellen sich selbst dar.

Ein guter Hauptdarsteller sollte in der Lage sein, seine Filmfigur authentisch darstellen zu können. Und zwar so, dass sich die Zuschauer und Zuschauerinnen mit ihm oder ihr identifizieren können. Der Protagonist oder die Protagonisten durchlaufen im Lauf der Geschichte eine tiefgehende Entwicklung, die sein oder ihr Leben meist völlig verändert. In der Filmwissenschaft spricht man hierbei von der sogenannten Heldenreise, an der sich Drehbuchschreiber und -schreiberinnen bei der Konzeption ihrer Figuren orientieren können.

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Was versteht man unter der Heldenreise?

Bereits in der ältesten schriftlich überlieferten Geschichte der Menschheit, dem über 4000 Jahre alten Gilgamesch-Epos, ist die Heldenreise als Erzählmuster zu finden: Gilgamesch ist ein tyrannischer Herrscher, der sich, als sein Gefährte Enkidu stirbt, auf eine Reise begibt. Sein Ziel ist es, Unsterblichkeit zu erlangen. Stattdessen findet er jedoch Weisheit und kehrt als gütiger Herrscher in sein Reich zurück.

Bis heute erzählen wir uns Geschichten nach diesem Erzählmuster, wenn auch in verschiedenen Variationen. Es gibt immer einen Helden, der sich auf eine Reise begibt, die ihn völlig verändert und als neuer Mensch zurückkehren lässt. Die Heldenreise bezieht sich also auf den inneren Plot der Hauptfigur, also ihre Charakterentwicklung. Der äußere Plot, der Verlauf der Handlung, orientiert sich hingegen an anderen Variablen, zum Beispiel der Drei-Akt-Struktur.

In der klassischen Heldenreise wird die Hauptfigur erst im Verlauf der Geschichte zum Helden oder der Heldin, indem ihr Charakter sich verändert. Doch diese „Held-Werdung“ muss sie sich erst mal verdienen. Zum Beispiel, indem sie sich bestimmte Fähigkeiten, Eigenschaften oder Wissen aneignet und zum Wohle der Gemeinschaft einsetzt. Viele moderne Heldenreisen haben diese Aufopferung für die Gesellschaft zwar nicht unbedingt als zentrales Element, bauen sich sonst aber nach demselben Prinzip auf.

Der Erste, der die Heldenreise als Erzählmuster in fast allen Geschichten entdeckte, war der US-amerikanische Mythenforscher Joseph Campbell (1904-1987). Er analysierte zahlreiche Mythen aus den unterschiedlichsten Zeiten und Kulturen, die sich historisch gesehen nicht gegenseitig beeinflusst haben können. In seinem 1949 erschienen Buch Der Heros in tausend Gestalten veröffentlichte er seine Ergebnisse: Demnach folgen alle Mythen der Menschheitsgeschichte dem Erzählschema der Heldenreise. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass es sich um ein ur-menschliches Erzählmuster handelt, welches bis heute von Menschen auf der ganzen Welt verstanden wird.

Die Rezipienten dieser Erzählungen können das, was dem Helden widerfährt, nacherleben und sich damit identifizieren. Dem Helden oder der Heldin fühlen sie sich emotional verbunden. Jeder Mensch kennt die Heldenreise auch aus seinem eigenen Leben: Ein jeder muss immer wieder Prüfungen bestehen, Herausforderungen und Krisen überwinden, die einen von Grund auf verändern und über sich hinauswachsen lassen können. Persönlichkeitsentwicklung ist ein immer währender Prozess. Deswegen fühlt das Publikum eines Films mit dem Protagonisten oder der Protagonistin mit und spürt eine emotionale Verbundenheit.

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Die Heldenreise im Film nach Christopher Vogler

Christopher Vogler ist ein US-amerikanischer Drehbuchautor, Publizist, Dozent und Leiter der Stoffentwicklungsabteilung von 20th Century Fox. Ende der 80er-Jahre erschien sein Buch Odyssee des Drehbuchschreibens, in dem er die bisherigen Studien zur Heldenreise auf den Film und das Drehbuchschreiben übertragen hat.

Sieht man sich die erfolgreichsten Filme Hollywoods an, so wird klar, dass die Heldenreise sich in fast jedem Spielfilm (und jeder Dokumentation) wiederfindet: von großen Blockbustern wie Star Wars, Herr der Ringe oder Marvel-Verfilmungen bis zu Independent-Produktionen wie American Beauty oder Little Miss Sunshine.

Der größte Verdienst Voglers liegt darin, dass er die zwölf Stadien der Heldenreise und ihre sieben Archetypen entwickelt und in einem Grundmuster festgelegt hat. Nicht jeder Film folgt diesem stringent und doch orientieren sich die meisten filmischen Produktionen an diesen Stadien der Heldenreise. Sie bauen sich wie folgt auf:

Stadium 1: Der Held wird in seiner gewohnten Welt mit einem Mangel dargestellt.

Stadium 2: Der Held erhält den Ruf des Abenteuers.

Stadium 3: Er verweigert diesen Ruf aus Angst.

Stadium 4: Er begegnet einem Mentor, der ihn ermutigt.

Stadium 5: Überschreitung der ersten Schwelle in eine neue Welt.

Stadium 6: Dort warten Prüfungen, Verbündete und Feinde auf ihn. Dabei wird er mit seinen Ängsten konfrontiert, die es zu überwinden gilt. Er stattet sich mit neuen Fähigkeiten aus, die er für seine weitere Reise benötigt.

Stadium 7: Annäherung an die „tiefste Höhle“: Damit ist das Stadium gemeint, das den Helden herausgefordert und ihn auf das nächste Stadium vorbereitet.

Stadium 8: In der entscheidenden Prüfung muss er seine neuen Qualitäten beweisen. Symbolisch stirbt sein altes Ich und er wird neugeboren.

Stadium 9: Er bekommt eine Belohnung.

Stadium 10: Rückweg in die gewohnte Welt, wobei er weiteren Gefahren ausgesetzt ist. Sein neues Ich muss sich bewähren.

Stadium 11: Die letzte und größte Konfrontation mit der antagonistischen Kraft. Nochmals erlebt er symbolisch Tod und Auferstehung. Seine Verwandlung ist damit abgeschlossen.

Stadium 12: Der Held kehrt mit seiner Belohnung in die gewohnte Welt zurück und teilt sie mit der Gemeinschaft.

Daneben hat Vogler die folgenden sieben Archetypen festgelegt, die dem Protagonisten oder der Protagonistin in den meisten Filmen begegnen:

1. Der Held, also eigenes “Ich”

2. Mentor

3. Schwellenhüter

4. Herold

5. Gestaltwandler

6. Schatten

7. Trickster

Es gibt noch viele weitere Archetypen, doch im Grunde bauen sie alle auf diesen sieben auf. Drehbuchautoren können ihre Figuren nach diesen Archetypen entsprechend der Geschichte konzipieren. Übrigens: Weder bei den Stadien noch bei den Archetypen muss es sich um konkrete geografische Orte oder Figuren handeln. Sie besitzen lediglich dramaturgische Funktionen für die Entwicklung des Hauptcharakters. Auch er selbst kann Züge der Archetypen annehmen, sich zum Beispiel selbst als Trickster im Weg stehen.

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Natürlich gibt es auch andere Erzählmuster und Filme, die einen Anti-Helden im Zentrum der Geschichte haben. Man denke hierbei als Beispiel an American Psycho. Die meisten Produktionen, besonders aus Hollywood, bedienen sich jedoch der Heldenreise, weshalb sie auch auf der ganzen Welt verstanden werden. Der passende Hauptdarsteller oder die Hauptdarstellerin muss die schauspielerischen Fähigkeiten besitzen, um die Heldenreise glaubhaft antreten und darstellen zu können.

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